Anforderungen an mobilen Hochwasserschutz aus Sicht der Versicherungswirtschaft

Hintergrund Versicherungswirtschaft

Überschwemmungsereignisse haben ein enormes Schadenpotenzial, wie die jüngsten Ereignisse von Mai und Juni 2016 erneut unter Beweis gestellt haben. Seit 1994 ist es in ganz Deutschland möglich, sich gegen Überschwemmungen zu versichern. Zwar existiert im Wohngebäudebereich keine eigene Versicherung hierfür, jedoch wird diese Gefahr über die „erweiterte Elementarschadenversicherung“ mit abgedeckt, in der auch Rückstau, Starkregen, Erdbeben, Erdsenkung, Erdrutsch, Schneedruck und Lawinen versichert sind. Die erweitere Elementarschadenversicherung wird zusätzlich zur Wohngebäude- oder Hausratversicherung abgeschlossen und auch im Rahmen der Gewerbe- und Industrieversicherung angeboten.

Für die Versicherungsunternehmen selbst war es lange Zeit ein großes Problem einzuschätzen, wer im Falle einer Überschwemmung welcher Gefährdung ausgesetzt ist. Nach dem verheerenden Hochwasser von Oder und Neiße im Jahr 1997 waren sich GDV (Gesamtverband deutscher Versicherungswirtschaft) und seine Mitglieder einig, dass Deutschland zur Lösung dieses Problems auf eine einheitlichen Einschätzung von Überschwemmungsrisiken angewiesen ist.

Um eine deutschlandweit risikogerechte Versicherung anbieten zu können, wurde deshalb die GIS-Software ZÜRS (Zonierungssystem für Überschwemmung, Rückstau und Starkregen) entwickelt. ZÜRS weist standortbedingte Gefährdungen aus und ermöglicht Versicherungsunternehmen eine einheitliche, adressgenaue Einschätzung von Überschwemmungen unmittelbar vom Schreibtisch aus. Die Überschwemmungsgebiete werden in der Software in unterschiedliche Gefährdungsklassen (GK 1-4) eingeteilt. Rückstau und Starkregen werden hingegen einheitlich in die Tarifierung mit eingerechnet.

Individuelle Hochwasserrisikoeinschätzung

Beispielsweise bei Problemen der Risikoverortung, bei der eine virtuelle, einheitliche ZÜRS-Bewertung nicht ausreicht, ist eine individuelle Bewertung durch Fachkräfte notwendig.

Diese beinhaltete eine Begehung vor Ort mit einer detaillierten Analyse zur Überschwemmungsgefährdung. Zum einen werden hierfür sämtliche verfügbaren Informationen bezüglich der Lage des Objektes und der Höhe des möglichen eintretenden Wassers ermittelt, zum anderen werden die Eindringwege evaluiert und abschließend ein Hochwasserschutzkonzept erstellt.

Ein wesentlicher Aspekt dieses Hochwasserschutzkonzeptes sind die zum Einsatz kommenden Hochwasserschutzelemente. Bei kleinen Gebäuden beschränken sich die Maßnahmen meistens auf Hochwasserschutzmaßnahmen am Objekt, wie beispielsweise die Abdichtung von Kellerschächten, Fenstern und Türen. Bei größeren Gebäuden oder Anlagen z.B. im gewerblichen oder industriellen Bereich sind zusätzlich Hochwasserschutzmaßnahmen außerhalb des Objektes notwendig. Darunter werden beispielsweise mobile oder teilmobile Maßnahmen verstanden.

Der Ersteller eines Hochwasserschutzkonzeptes muss einschätzen, welche Art von System er in einem konkreten Fall empfiehlt. Hierfür gibt es auch eine Leitlinie zur Schadenverhütung der deutschen Versicherer („Mobile Hochwasserschutzsysteme, Hinweise für die Beschaffung, den Einsatz und die Bereitstellung“ VdS 6001 vds.de/naturgefahren/schutzkonzepte/).

Als Ergänzung zur individuellen Gefährdungseinschätzung hat das HKC (HochwasserKompetenzCentrum) mit Unterstützung der Versicherungswirtschaft den Hochwasserpass (www.hochwasser-pass.com) entwickelt. Er bietet eine strukturierte Selbsteinschätzung durch den Bürger, eine darauf aufbauenden Einschätzung von Sachkundigen und das Aufzeigen von konkreten Präventionsmaßnahmen.

Bedarf neutraler Zertifizierungen von Hochwasserschutzelementen

Gerade bei der Empfehlung von Hochwasserschutzelementen sehen sich Sachkundige jedoch auf Grund fehlender neutraler Bewertungsgrundlagen vor Schwierigkeiten gestellt. Grund dafür sind u.a. fehlende Zertifizierungen von Hochwasserschutzelementen, die eine objektive und fachmännische Qualitätsprüfung ausweisen.

In Deutschland existiert bislang keine neutrale Zertifizierung mit Prüfstempel für die Qualität und Funktionalität von Hochwasserschutzsystemen

Lösung: Zertifizierung Hochwasserschutzelemente

Die VdS GmbH wird voraussichtlich in 2017 eine neutrale Zertifizierung für Hochwasserschutzelemente anbieten.

VdS ist eine unabhängige, bauaufsichtlich anerkannte Prüf-, Überwachungs- und Zertifizierungsstelle. Sie ist akkreditiert und notifiziert (u.A. nach ISO/IEC 17020, EN 45011).

Es wird zurzeit mit einer Arbeitsgruppe aus unabhängigen Experten eine Prüfrichtlinie erstellt. In der Arbeitsgruppe sind neben VdS Experten aus allen relevanten Bereichen u.a. vertreten: DWA (Deutscher Verband für Wasser und Abfall), BWK (Verband der Umweltingenieure), nationale und internationale Ingenieurbüros, Universitäten, die Versicherungswirtschaft Deutschland, die Versicherungswirtschaft international (Schweiz + Österreich) , Stadtentwickler, der Beirat des HKC (HochwasserKompetenzCentrum), Behördenvertreter und der Herstellerverband.

Zu prüfende Systeme

Die zu prüfenden Systeme werden in zwei Kategorien eingeteilt:

  • Elemente am zu schützenden Objekt wie z.B. wasserdichte Fenster und Türen, wasserdichte Aufsätze für Fenster, Türen und Lichtschächte oder Schotte als Schutz vor Einfahrten.
  • Elemente unabhängig vom zu schützenden Objekt wie z.B. Dammbalkensysteme, aufschwimmende Systeme, Klappsysteme, Behältersysteme, Bocksysteme, Schlauchsysteme.

Die Endfassung der Prüfrichtlinie wird als Gelbdruck im Internet auf der VdS-Seite veröffentlicht, so dass hierzu zunächst fachmännisch Stellung genommen werden kann. Danach wird die Prüfrichtlinie abschließend fertiggestellt und in den Zertifizierungsprozess eingebunden.

Sofern ein System nach Prüfrichtlinie in einer von VdS hierfür anerkannten Prüfinstitution erfolgreich geprüft wurde, wird ein Zertifikat ausgestellt. Somit wird es zukünftig möglich sein, bei einem Hochwasserschutzkonzept kompetente und risikogerechte Empfehlungen für Systeme zu geben, die neutral geprüft wurden.

Anschrift des Verfassers:

Bettina Falkenhagen
VdS Schadenverhütung GmbH
Abteilung Geoexpertise
Amsterdamer Straße 172
Tel: 0221 7766-6313
Fax: 0221 7766-611
Email: bfalkenhagen(at)vds.de